Die Autonome Pfalz – Mitbegründer Georg Viktor Kunz

Proklamation der Separatistenregierung
Proklamation der Separatistenregierung

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Automone Pfalz bahnt sich an. Ab 1920 änderte sich die politische Landschaft in Bayern grundlegend. Johannes Hoffmann wurde im Zuge des Kapp-Putsches gestürzt. Unter seinem Nachfolger Gustav von Kahr  entwickelte sich Bayern zur nationalistischen „Ordnungszelle“ des Reichs, München zur Heimstatt militanter Rechtsradikaler aus dem ganzen Reich. In der Pfalz, wo die Sozialdemokratie stärker war als im übrigen Bayern, kamen separatistische Töne, auf Trennung von Bayern zielend, zusehends von links. Namentlich im Zusammenhang mit den Verfassungskonflikten Bayerns mit dem Reich nach den Morden an Matthias Erzberger (1875-1921) und Walter Rathenau (1867-1922) fanden in der Pfalz Demonstrationen der Linksparteien statt, in denen die Pfalzfrage thematisiert wurde.
1923: Fiasko des passiven Widerstandes als Nährboden für Separatismus
Den eigentlichen Nährboden für separatistische Bestrebungen schuf das Fiasko der Strategie des passiven Widerstandes gegen die französisch-belgische Ruhrbesetzung. Die Anordnung der Reichs- und Länderregierungen an ihre Beamten, sich den Befehlen der Besatzungsmacht im gesamten besetzten Gebiet, nicht nur im neu besetzten Ruhrgebiet, zu widersetzen, brachte die Bevölkerung unter einen zermürbenden Druck und führte zu Tausenden von Ausweisungen durch die Besatzungsbehörden. Am 26. September 1923 musste die Reichsregierung Stresemann den passiven Widerstand abbrechen. Die Zahlungen an Beamte und zunehmend auch an Industriebeschäftigte verschlungen Unsummen. Der Abbruch verschärfte aber die Lage im besetzten Gebiet zusätzlich, die Arbeitslosigkeit stieg, viele Menschen lebten unter dem Existenzminimum. Die Rohstoffvorräte waren, wenn nicht von den Franzosen beschlagnahmt, infolge der langen Transportsperre aufgebraucht. Exporte ins Rechtsrheinische wurden von der Besatzung mit Zoll belegt, die dortigen Absatzmärkte längst von anderen Lieferanten bedient.

Die Autonome Pfalz

Während im nördlichen Rheinland die Separatistenbewegung schon wieder zurückgedrängt worden war, begann in der Pfalz am 5. November 1923, wenige Tage vor dem Münchner Hitler-Putsch, Franz Josef Heinz (1884-1924) in Kaiserslautern einen kurzfristig vorbereiteten Putsch. Die etwa 500 bis 1.000 zum Teil bewaffneten Putschisten waren, in der Mehrzahl Pfälzer. Angeworben wurden sie im Laufe des Oktober 1923. Wie im Norden des Rheinlandes waren es meist junge Erwerbslose. Daneben wurden innerhalb kürzester Frist mehrere Tausend Mitglieder für die Rheinische Volksvereinigung (RVV) oder als stille Teilhaber der Bewegung gewonnen. Viele kleine Geschäftsleute, die durch die wirtschaftliche Lage in ihrer Existenz bedroht waren, befanden sich darunter.
Zweckbündnis der Extreme
In welchen politischen und sozialen Lagern sonst noch Sympathien für die am 12. November 1923 ausgerufene Autonome Pfalz gehegt wurden, zeigt die Herkunft ihrer führenden Köpfe. Franz Josef Heinz war Vorsitzender der radikalen „Freien Bauernschaft“, der größten Bauernorganisation in der Pfalz. Er gehörte dem rechten Flügel der pfälzischen DVP an, saß im Kreistag und war erster Nachrücker seiner Partei für den bayerischen Landtag. Am 24. Oktober 1923 erklärte er seinen Austritt aus der Partei, unzufrieden mit deren ablehnender Haltung gegenüber der Hoffmann-Aktion. Sein Stellvertreter war Adolf Bley (1874-1951), der in Kirchheimbolanden eine kleine Fabrik für Druckerzeugnisse betrieb und seit 1920 dort USPD-Stadtratsmitglied war. Der Spagat zwischen rechts und links wurde noch weiter angespannt durch den Organisator der Ludwigshafener Erwerbslosen, Georg Viktor Kunz . Die Not der Zeit hatte ein Zweckbündnis der Extreme hervorgebracht, allein der „Lösung der gegenwärtig brennendsten Fragen“ verpflichtet, wie die Autonomisten selbst ihre Aufgabe beschrieben. Das politische Establishment dagegen, die politische Mitte, verharrte in Abwartehaltung. Zwar gelang es den Putschisten mit Unterstützung der Franzosen im Laufe des November 1923, sich der Kreisregierung und der Bezirksämter gewaltsam zu bemächtigen und bis zum Jahresende 1923 von ca. 75% der Landgemeinden Loyalitätserklärungen einzusammeln, aber zu einer politischen Gestaltungstätigkeit kamen sie nicht. Es fehlte an finanziellen Ressourcen, Requirierungsmaßnahmen förderten die Popularität nicht.

Die Autonome Pfalz scheitert

Die Autonome Pfalz scheiterte, weil die Entstehungsgründe, die sie hervorbrachten, durch einen zum Jahreswechsel 1923/24 sich abzeichnenden Wandel in der politischen Großwetterlage fast schlagartig entfielen. Die Inflation wurde durch die Rentenmark gestoppt und mit Frankreichs Einwilligung in die Überprüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit (Dawes-Kommission) wurden die Weichen für ein Reparationsabkommen gestellt, das die territoriale Unversehrtheit des Reichs zur Voraussetzung haben sollte. In der Pfalz führte Poincaré nurmehr ein Rückzugsgefecht, bei dem es darauf ankam, eine hinfällig gewordene Position mit möglichst geringem Gesichtsverlust zu räumen. Die etablierten Parteien in der Pfalz gingen nun in die Offensive gegen die Autonomisten und organisierten Kundgebungen, Abordnungen zur Rheinlandkommission und den Widerruf der Loyalitätserklärungen von den Landgemeinden.

Gewaltaktionen gegen die Separatisten

Angesichts dieser Wende muten die Gewaltaktionen gegen die pfälzischen Separatisten im Januar und Februar 1924 eher wie ein Nachtreten gegen die Verlierer an denn als heldenhafte Befreiungstaten. Als solche wurden sie aber in der Pfalz immer wieder in Schriften, Gedenkartikeln und -reden gefeiert. Am 9. Januar 1924 erschoss ein Kommandotrupp den Separatistenführer Heinz beim Abendessen im Wittelsbacher Hof in Speyer. Das Unternehmen wurde unter Billigung und mit Geldern der bayerischen Staatsregierung von einem Beamten des Pfalzkommissariats geplant und geleitet. Die Kommandomitglieder stammten aus den seit dem Hitlerputsch zum Teil verbotenen rechtsradikalen Münchner Kampfbünden (Bund Wiking, Bund Oberland, SA). Am 12. Februar 1924, zu einem Zeitpunkt, da das Ende der Autonomen Pfalz zwischen Frankreich und England bereits vereinbart und auch schon über die Nachrichtenagenturen gegangen war, griff in Pirmasens eine aufgebrachte Menschenmenge das von den Separatisten besetzte Bezirksamt an und setzte es in Brand. Sieben Angreifer und fünfzehn Separatisten starben bei diesem Massaker.
Offizielles Ende der Autonomen Pfalz
Einen politischen Nutzen hatte die Aktion von Pirmasens allenfalls für die französische Besatzungsmacht, die absichtlich erst anrückte, als alles vorbei war. Mit dem Hinweis auf die Pirmasenser Vorgänge, die aus Heidelberg von bayerischen Stellen gesteuert worden wären – eine Version, für die es tatsächlich eine ganze Reihe von starken Indizien gibt (führende Kämpfer waren nachweislich im unmittelbaren Vorfeld der Aktion in Heidelberg und hatten Kontakte zur bayerischen Abwehrstelle) -, konnte sie die Wiederherstellung der vollen bayerischen Hoheitsrechte in der Pfalz noch etwas hinauszögern. Zunächst wurde dem Kreissausschuss der Pfalz formell die Regierungsgewalt übertragen. Am 17. Februar 1924 ging die kurze Geschichte der Autonomen Pfalz offiziell zu Ende.

Separatistenprozesse und NS-Politik

Wegen einer mit Frankreich auf Gegenseitigkeit vereinbarten Amnestie konnte man die Separatisten nicht strafrechtlich belangen. Trotzdem fanden in der Pfalz nach 1924 zahllose Prozesse statt. Ausgangspunkt waren öffentliche Bezichtigungen gegen Separatisten oder separatistischer Sympathien Verdächtigte, um diese zu Klagen wegen Beleidigung zu provozieren. Die Gerichte machten aus den Verfahren dann Tribunale gegen die Kläger, deren Ruf dadurch ruiniert wurde. Viele der sozial Geächteten und behördlich Schikanierten verließen die Pfalz in Richtung Frankreich, die meisten 1930 nach pogromartigen Ausschreitungen gegen sie in der Nacht nach dem Abzug der französischen Besatzung (30. Juni 1930).
Georg Viktor Kunz, Adolf Bley und weitere führende Funktionäre der Autonomen Pfalz emigrierten bereits 1924 nach Frankreich.

Quellen: Gerhard Gräber/Matthias Spindler, Die Pfalzbefreier. Volkes Zorn und Staatsgewalt im Kampf gegen den pfälzischen Separatismus 1923/24, Ludwigshafen am Rhein 2005.

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